Haiti, das war schon vor dem Beben vom 12. Januar 2010 Synonym für ein Land auf der In­ten­siv­sta­tion. Der ver­heerende Erdstoß setzte das i-Tüp­fel­chen auf eine nicht endende Serie von Um­stürzen, Un­ru­hen, Natur­katastrophen, Intrigen und In­ter­ven­tionen.

Haiti erklärte 1804 als erstes Land Lateinamerikas seine Un­ab­hän­gig­keit. Dem voraus­ge­gangen war ein blutiger Aufstand der schwarzen Sklaven gegen die französischen Kolonialherren. Doch die Unabhängigkeit hatte einen hohen Preis: Frankreich forderte 150 Millionen Goldfranken „Entschädigung“. Das war zehnmal so viel wie das jährliche Wirtschaftsaufkommen der blühenden Zuckerinsel, die bis 1947 die Zinsen ans ehemalige Mutterland abstotterte. „Koupé tet, boulé kay!“, Köpfe ab­schla­gen und Häuser ver­brennen, war die Parole, die Un­ab­hängig­keits­kämpfer Jean-Jacques Dessalines ausgegeben hatte. Sie war erfolgreich, aber den destruktiven Keim wurde Haiti seither nicht mehr los.

Das Land verkam zu einer surrealen Polit-Theater-Bühne im tropischen Dekor, auf der sich blutrünstige Putschisten, perfide Diktatoren und größenwahnsinnige Volkshelden ablösten, be­ju­belt oder er­duldet von einer ver­armten Be­völ­ke­rung. Das Aus­land sah sich in seinem rassistischen Vorurteil bestätigt, die Schwar­zen seien nicht in der Lage, das Land zu führen. Immer wieder in­ter­ve­nier­ten vor allem die USA, um die Ver­hältnisse „zurecht“ zu rücken.

Nach dem Beben fiel die Internationale Gemeinschaft erneut mas­siv ein, um „die Chance beim Schopf zu packen und das Land besser wie­der­auf­zu­bauen“ (so der Ex-US-Prä­si­dent und Wie­der­auf­bau­be­auf­tragte Bill Clinton). Vier Jahre später erstrahlt Port-au-Prince in neuem Glanz, und die Regierung von Prä­si­dent Michel Martelly wirbt um In­ves­tor­en.

Wer hat beim Wiederaufbau gewonnen, wer verloren?

Teil 1

Moderner Schein

Wo ist das viele Geld geblieben? Warum kom­men die Aus­länder immer nur kurz vorbei, und dann passiert doch nichts? Und die Re­gie­rung, warum kümmert die sich nicht um ihr Volk?“ Manch­mal kocht die Wut in Samantha Jean-Pierre für ei­nen kurzen Augen­blick hoch. Doch meistens braucht die 39-jährige ihre Kraft für andere Dinge. All­täg­liche Dinge wie Wasser holen, Wäsche waschen, Essen kochen. Dinge, die bei uns selbst­ver­ständ­lich sind, die aber eine im­mense Kraft und Organisations­talent ver­langen, wenn man in ei­nem Zelt­lager lebt so wie Samantha mit ihrem Mann und den vier kleinen Kindern. Zwei kamen auf der durch­ge­legenen Matratze unter der löchrigen Zelt­plane zur Welt.

Samantha Jean-Pierre
Samantha Jean-Pierre

Vier lange Jahre schon lebt die Familie im Lager Icare seit diesem fatalen 12. Januar 2010, an dem in Port-au-Prince die Erde bebte und innerhalb von zwei Minuten die Haupt­stadt in Schutt und Asche legte. 250.000 Tote, 300.000 Verletzte, 1,5 Mil­li­o­nen Ob­dach­lose. Ein Land in Trüm­mern, das sich trotz Mil­li­ar­den­hil­fe aus dem Aus­land nur lang­sam wie­der auf­rappelt.

Das Erdbeben vom 12.01.2010 in Haiti
Übersichtskarte Port-au-Prince

12. Januar 2010 – Das Erdbeben
Ortszeit: 16:53 Uhr
Stärke: 7,0 MW auf der Momenten-Magnituden-Skala
Epizentrum: 25 km südwestlich von Port-au-Prince
Opfer: 250.000 Tote, 300.000 Verletzte (Schätzung)
Obdachlose: 1.500.000

Port-au-Prince
Einwohner: 2.500.000
Ethnien: 95% Schwarze, 5% Mischlinge oder Weisse
Camp Icare (Zeltlager): 1.200 Obdachlose
Canaan und Corail: 120.000 Siedler aus den zerstörten Vierteln

Wettbewerb der Sponsoren

Das Herz der Macht ist verwaist. Auf dem Marsfeld, wo früher schnee­weiß und respekt­ein­flößend der Prä­si­denten­pa­last stand – eine Kopie des Kapitols in Washington – wächst eng­lischer Rasen. Das gep­flegte Grün sug­ge­riert Ord­nung nach dem dramatischen Chaos von 2010. Die Rui­nen sind weg­ge­räumt, der Metall­zaun ist repariert. Und vielleicht wird Frank­reich ja irgend­wann sein Ver­sprechen wahr machen und den Pa­last wieder aufbauen. Doch die Eu­ro­pä­er haben längst andere Sorgen, die US-Amerikaner auch. Die skurrile Szene, als sich schwer­be­waffnete Ma­ri­nes von Hub­schraubern aus auf den ver­waisten und zer­störten Prä­si­denten­pa­last ab­seilten, ist Vergangenheit. Die Ha­iti­a­ner sind sur­reale Macht­demonstrationen dieser Art ge­wohnt, und an die genaue Zahl der US-Einmärsche er­in­nert sich kaum jemand. Diesmal war die Mission eine „hu­ma­ni­täre“, weshalb die Marines tausende bibel­fester Ka­ta­stro­phen­hel­fer im Schlepp­tau hatten.

Der eingestürzte Präsidentenpalast im Oktober 2010 ...
Der eingestürzte Präsidentenpalast im Oktober 2010 ...
... und im September 2013.
... und im September 2013.
Baustelle der Ministerien am Marsfeld
Baustelle der Ministerien am Marsfeld
Präsident Martelly: Haiti ap vanse – Haiti kommt vorwärts.
Präsident Martelly: Haiti ap vanse – Haiti kommt vorwärts.

Heute ist der Tross längst abgezogen, und andere haben das Sagen auf dem Marsfeld. Rote Bauzäune und Transparente verkünden rechter Hand des Präsidenten­palastes, dass dort bald Ministerien und der Rechnungs­hof stehen werden. Fi­nan­ziert von Venezuela und Taiwan. 90 Prozent der In­ves­ti­ti­onen im Staats­haus­halt stam­men aus der Schatulle von Pe­tro­caribe, dem sozialistischen Bündnis, das mit ve­ne­zo­la­nischen Petro­dollars fi­nan­ziert wird. Präsident Michel Martelly nutzt das geo­politische Tau­ziehen zwischen den USA und den sozialistischen Staaten Latein­amerikas ge­schickt aus.

Aber Haiti hat noch mehr Sponsoren, die sich gegenseitig über­trumpfen. Die brand­neuen, roten Straßen­schilder – freund­lich ge­spendet von Digicel, der markt­do­mi­nanten, irischen Mobil­funk­ge­sell­schaft. Die So­lar-Straßen­laternen – ein Geschenk der UNO. Brücken und Straßen – fi­nan­ziert von der Europäischen Union. Mit­ten­drin, in baby­rosa, ist auch der Staats­chef mit von der Par­tie: „Haiti ap vanse“, Haiti kommt vorwärts. Wie immer gibt es natürlich die­je­ni­gen, die ganz anderer Meinung sind, und sich eben­falls ver­ewigt haben: „Aba Martelly e Lamothe“, nieder mit Martelly und (Premierminister) Lamothe, pran­gen ver­schmierte, schwarze Graffitis auf den schönen, roten Bau­zäunen. Die Sprüher haben auch gleich erklärt, warum: „Der Wiederaufbau ist eine Heuchelei.“

Seit Ende November gab es mehrere Proteste. Anlass ist die Verzögerung der Parlaments- und Kommunal­wahlen, die eigentlich 2013 hätten stattfinden müssen. Aber Wahlen, Wahltermine und der Wahlrat sind in Haiti drei Synonyme für politische Krisen. Die Macht zwischen den vielen Clans neu aufzuteilen, ist jedes Mal ein Schlachtfest. Vom Rechts­staat ist Haiti auch nach zehn Jahren „Staats­aufbau“ durch die Vereinten Nationen so weit entfernt wie eh und je. Die inter­nationale Gemein­schaft ist „zutiefst besorgt“, zumal es heißt, die Drogen­mafia stecke hinter den De­mons­tra­ti­onen, um die Polizei mit anderen Dingen zu be­schäf­ti­gen. Zumindest politisch scheint der Karibik­staat vier Jahre nach dem Beben zu seiner Normalität zurück­ge­funden zu haben.

Teil 2

Hinter der Fassade
des Wieder­auf­baus

Der Wiederaufbau ist längst kein Thema mehr“, sagt der Di­rek­tor des be­kanntesten, un­ab­hän­gigen Sen­ders Radio Métropole, Richard Widmaier, in seinem winzigen Büro auf halber Höhe zwischen dem Stadt­zentrum und dem reichen Villen­vorort Pétionville in den Bergen. Um zu ihm zu ge­langen, muss man eine Menge Bauschutt umkurven. Was auf­ge­baut wurde, ist sicht­bar: Der Flughafen, Banken, neue Hotels, Super­märkte und Plätze. Straßen wurden ge­teert, ver­brei­tert und mit So­lar­lam­pen ver­sehen. Ein Hauch der Mo­der­ne weht über der Hafen­stadt, der Dauer-Verkehrs­stau hat sich merk­lich ent­zerrt. Und alles, was sonst noch ver­spro­chen wurde? Die Häuser für die Opfer? „Niemand geht mehr davon aus, dass das noch gemacht wird“, so Widmaier.

Armenviertel hinter dem 5-Sterne Hotel Royal Oasis im Stadtteil Pétionville
Armenviertel hinter dem 5-Sterne Hotel Royal Oasis
im Stadtteil Pétionville

Das Sichtbare ist im Land des Voodoos nur eine Maske, reißt man sie ab, kommt ein ganz anderes Gesicht zum Vorschein. Zum Bei­spiel die So­lar­lam­pen: Die Kollektoren wurden von der Stabilisierungs­mission der Vereinten Nationen in Haiti (MINUSTAH) gespendet. Natürlich war es ein Pro­jekt in Kooperation mit der Regierung, schließlich will man die Institutionen stärken. Die Haitianer sollten die Pfosten besorgen und die Laternen aufstellen. Dafür gab es technische Vorgaben. Als die UN-Experten zur Schluss­abnahme kamen, waren die Laternen zu niedrig, der Beton minder­wertig, und die Pfosten standen viel näher bei­sam­men als ver­an­schlagt. Wunder­bar hell erleuchtet war zwar nun die Delmas-Straße auf dem Weg zu Widmaiers Büro, doch für die Rue du Canapé-Vert gab es keine Laternen mehr. Bis sich ein europäisches Geber­land breitschlagen ließ, und erneut spendete, um den Beleuchtungsplan zu erfüllen und die Rechtfertigungsnöte der UNO zu beenden.

Nach Plan läuft in Haiti nur selten etwas, fast jeder bü­ro­kra­tische Vor­gang ver­wandelt sich wie von Zauber­hand in karibisch-surreale Poesie.

Gespenster und Kataster

Auch das glitzernde Marsfeld in Port-au-Prince hat seine verborgene Geschichte, die Geschichte der Unsichtbaren. Wie Gespenster, bedeckt mit weißem Staub, wankten sie nach dem Erdbeben auf den Exerzierplatz. Zu tausenden tauchten sie weinend und schreiend aus den zu­sam­men­ge­bro­chenen, um­liegenden Elends­vierteln auf. Inner­halb von Stunden verwandelte sich das Marsfeld in ein improvisiertes Lazarett. Tage später kamen die Nicht-Re­gie­rungs-Or­ga­ni­sa­ti­onen (NGO) mit ihren grauen und blauen Zelt­planen mit den dicken Logos. Jede wollte auf dem gut zu­gäng­lichen Platz im Herzen der Stadt eine Latrine aufstellen, Kinder be­schulen, Wasser verteilen. Kein Reporter, kein Ka­ta­stro­phen­hel­fer, der dort nicht Bilder schoss. So kamen die anonymen Slum­be­wohner zu Welt­ruhm.

Heute sind sie weg. Aber das lief nicht so wie geplant. Ei­gent­lich sollten in den an­grenzenden Armen­vierteln wie Fort National, wo Samantha Jean-Pierre früher wohnte, tau­sen­de von Sozial­wohnungen für die 1,5 Millionen Ob­dach­losen er­richtet werden. Doch die eifrigen Hel­fer hatten eines nicht bedacht: Haiti hat kein Land­kataster, und auf jedes Stück Grund und Boden erheben im Schnitt drei Per­sonen An­spruch. Wes­sen Papiere gefälscht sind, wes­sen echt und wes­sen durch Korruption er­schlichen, ist kaum zu ent­wirren. Das Problem schleppt Haiti praktisch seit der Un­ab­hängig­keit vor sich her, mit der De­mo­kra­ti­sie­rung hat es sich potenziert, und keine Re­gie­rung wollte dieses ex­plosive Thema je angehen. Nun hatten die meisten Opfer zur Miete gewohnt, wem Haus und Grundstück gehörten, war unklar. Unter solchen Bedingungen wollte keine NGO Häuser bauen. Wohin also mit den vielen Obdachlosen? Von denen mangels Melderegister auch keiner wusste, wer wirklich ein Erdbebenopfer war und wer einfach nur aus dem Landesinnern gekommen war in der Hoffnung, etwas von den Hilfen abzubekommen.

Marsfeld mit Denkmal zur 200-jährigen Unabhängigkeit
Marsfeld mit Denkmal zur 200-jährigen Unabhängigkeit
Zeltlager an der Ausfallstraße nach Léogane
Zeltlager an der Ausfallstraße nach Léogane
im September 2010
Das Armenviertel Fort National vier Jahre nach dem Beben
Das Armenviertel Fort National vier Jahre nach dem Beben

Es war ein Haitianer, der die zündende Idee hatte: Réginald Boulos, einer der reichsten Magnaten des Landes, Sohn li­ba­ne­sischer Ei­nwanderer, Arzt, Bauunternehmer, Me­di­en­mo­gul, po­li­tischer Strippen­zieher. Er be­endete das Zelt­la­ger vor seinem Auto­haus kurzerhand, indem er den Ob­dach­losen ein paar Geld­scheine in die Hand drückte, damit sie ver­schwinden. „Wir Haitianer haben Er­fahrung mit Ob­dach­losen nach Natur­ka­ta­stro­phen, und das war noch jedes Mal die einzige Lösung, die Zelt­la­ger los­zu­werden“, er­zählt eine Funktionärin, die wie Boulos in der Wie­der­auf­bau­kom­mis­si­on (IHRC) arbeitete. Die in­ter­na­tio­nale Ge­mein­schaft brauchte drei Jahre, bis sie das Modell ak­zep­tie­rte. Es liegt nun in den Händen der In­ter­na­tio­nalen Or­ga­ni­sa­ti­on für Migration (IOM). „Nur noch 172.000 leben in Zelt­lagern“, ver­kündete die IOM im Oktober. Endlich eine Erfolgs­meldung, nach­dem die UNO viel Medien­schelte hat­te ein­stecken müssen wegen der zöger­lichen Fort­schrit­te. Doch wo sind die Menschen hin?

In Fort National
Bildstrecke: Im Armenviertel Fort National

Teil 3

NGO-Republik

Die meisten Obdachlosen nahmen ihre paar hundert Dollar und zogen nach Canaan und Corail, 18 Kilometer nördlich der Hauptstadt, weit ent­fernt von Er­werbs­mög­lich­keiten. Auf zwei kargen Hügeln, bar jeglicher In­fra­struk­tur, be­findet sich die der­zeit wohl größte Bau­stelle des Landes. Hundert­tausende zim­mern und mauern dort ihre neuen Be­hausungen: Pre­käre Hütten aus Planen ne­ben halb­fertigen Stein­häusern und NGO-Not­unter­künften aus Sperr­holz. Ein plan­loses Durch­ein­ander, ohne Wasser, ohne Strom, ohne ge­teerte Straßen. Täglich kommen neue Sied­ler hinzu, die an immer steileren Ab­hängen ihre Hüt­ten bau­en. Die Ent­stehung eines Slums in Echt­zeit. In ein paar Jahren wird hier ein groteskes Fanal des Wie­der­auf­baus stehen.

In den neuen Slums in Canaan
Bildstrecke: In den neuen Slums in Canaan

Lukrative Aufträge am Staat vorbei

Nicht ganz unschuldig daran ist Sean Penn. Der US-Schau­spieler mit dem kan­tigen Ge­sicht und der Sym­pa­thie für Out­sider, kam nach dem Beben, übernahm die Lei­tung des Flücht­lings­la­gers am Golf­club und ver­wandelte sich zum Ad-hoc-Entwicklungs­experten. Laut­stark wetterte er gegen die Ineffizienz der pro­fes­sio­nellen Ka­ta­stro­phen­hel­fer. Das brachte ihm die Sym­pa­thie der Re­gie­rung ein, die mit wachsender Wut und Ohn­macht er­leben musste, wie sie vom Hilfs­zirkus über­fahren wurde. Der Allianz zwi­schen Penn und der Re­gie­rung ent­sprang die Idee mit der Sied­lung in Corail und Canaan. Die Hügel oberhalb des Marsch­landes lagen brach; Penn war der erste, der Leute aus seinem Zelt­la­ger dorthin in Über­gangs­häuser ver­frach­tete.

Leslie Voltaire

Interview mit
Leslie Voltaire, 64,
Architekt und Politiker

Ein Jahr später erhielt Penns neu­ge­grün­dete Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on den Ver­trag, um die Rui­nen des Prä­si­dent­en­pa­lastes ab­zu­tra­gen. Es war nur einer von vielen lukrativen Aufträgen für US-Amerikaner. Laut dem Ab­schluss­be­richt der UN-Wie­der­auf­bau­be­auf­trag­ten Bill Clinton und Paul Farmer sind unter den größten aus­ländischen Auf­trag­nehmern der Ka­ta­stro­phen­hil­fe zwei US-Firmen (Chem­onics und De­vel­op­ment Al­ter­na­tives, beides Be­ra­ter), die do­mi­ni­ka­nische Bau­firma Stern, der fran­zö­sische Kon­zern Alsthom und die spanische Logistik­firma Elsamex. 90 Prozent der Hilfe lief demnach an der haitianischen Re­gie­rung vor­bei, et­was mehr als die Hälfte wurde für Personal, Fahrzeuge, Import von Materialien, Vermietung und Verwaltung der Ka­ta­stro­phen­hel­fer auf­ge­wen­det. „So wurde der Staat ge­schwächt, den wir eigent­lich unter­stützen wollten“, schluss­folgern die Autoren.

Den kritischen Bericht sucht man ver­geb­lich unter dem Wer­be­ma­te­ri­al, das die UN-Or­ga­ni­sa­ti­onen an ihrem Haupt­quartier, der so­ge­nannten Log­base, aus­liegen haben. Die UNO haust auf Abruf in der Container­stadt am Flug­hafen, seit das Beben das alte Haupt­quartier zer­störte. 2016 soll die Mission der MINUSTAH enden. Das Geld und die Geduld der Mitgliedsstaaten gehen zur Neige. Die erste UN-Mission in Haiti geht auf das Jahr 1990 zurück, als die Organisation die ersten Wahlen nach der Diktatur über­wachte. Seither lösten sich diverse Missionen ab. Tau­sende von Diplomaten wurden durch das Land geschleust, alle drei Jahre wechseln sie im Schnitt.

Video: Sophie de Caen über Herausforderungen beim Wiederaufbau

Sophie de Caen ist Kanadierin, die Direktorin des UN-Ent­wicklungs­programms in Haiti (UNDP) und erst neun Monate im Land. Sie strahlt noch den Optimismus der Neu­linge aus. Am Ein­gang zu ihrem kargen, funk­tio­nalen Büro liegt ein kleines Buch, ge­schrieben vom ha­i­ti­a­nischen Schrift­steller Gary Victor. „Collier de débris“ (Kette aus Schutt) be­schreibt, wie zehn­tausende Haitianer mit bloßen Händen ihre Stadt in Rekord­zeit von zehn Mil­li­onen Kubik­meter Schutt be­freiten. An steilen Ab­hängen, in engen Gas­sen und Schluchten, wo keine Maschine hin­ge­kommen wäre. Sie erhielten von UNDP ein kleines Gehalt. „Das Programm war ein Erfolg“, erinnert sich Caen be­wegt. Trotzdem blieb es ein Einzel­fall: nur 2,5 Prozent der Hilfe wurde für direkte Zahlungen an Be­troffene ver­wendet.

„Dass die Not­hilfe an der ha­i­ti­a­nischen Re­gie­rung vorbei floss, hat einen Grund“, recht­fertigt sich Caen, „sie war handlungs­un­fähig, 35.000 Funktionäre waren tot, fast alle öffentlichen Gebäude zerstört.“ Heute hingegen führe die ha­i­ti­a­nische Re­gie­rung das Zepter. Aber das Miss­verhältnis ist enorm.

Finanzielle Mittel für Nothilfe und Wiederaufbau in Haiti
(Januar 2010 - Juni 2012)

Finanzielle Mittel für Nothilfe und Wiederaufbau in Haiti
Quelle: Lessons from Haiti. UN-Bericht von Bill Clinton und Paul Farmer, 2012

Nur rund ein Fünftel der finanziellen Mittel für Nothilfe und Wiederaufbau konnte Haiti aus eigenen Staatseinnahmen aufbringen.
Deshalb nennt man Haiti NGO-Republik.

Martelly ist das ein Dorn im Auge, weshalb er als allererstes die Steuern auf Finanztransaktionen, Ferngespräche, Al­ko­hol, Zi­ga­ret­ten und Glücks­spiel er­höhte und Steu­er­hinter­zieher jagt, um die Staats­ein­nahmen zu er­höhen und künf­tig un­ab­hängiger von aus­län­discher Hilfe zu sein. Um fast ein Drittel konnte er die Steuer­ein­nahmen 2012 stei­gern. Es wird höchste Zeit: Der Hilfs­zirkus ist längst weiter­ge­zogen zur nächsten Ka­ta­stro­phe, und die Spenden­bereit­schaft sinkt rapide: „2010 hatten wir eine Milliarde Dollar zur Ver­fügung, im ver­gangenen Jahr nur noch 60 Millionen“, sagt Caen.

Milchmädchenrechnungen
und ein Fluch

Mitreißende Reden sind die Spezialität von Bill Clinton. So wie die vom April 2010, als der ehemalige US-Präsident den Vorsitz der Kommission für den Wiederaufbau in Haiti (IHRC) übernahm: „Durch die Tragödie hat Haiti eine ein­malige Chance.“ „Build back better“, war das Motto. Alles sollte schöner und besser werden. Die inter­nationale Ge­mein­schaft ver­sprach ins­gesamt 13 Milliarden Dollar. Aber der Optimismus schwand schnell.

Das Geld kam tröpfchenweise – wenn überhaupt. Die USA zogen von ihren Zu­sagen gleich die Kosten für die Mi­li­tär­ope­ra­ti­on nach dem Erd­beben ab, ein­schließ­lich Lap­tops und Flug­zeug­träger. Private Spenden flossen direkt an NGOs, die ihre eigenen Vor­stellungen hatten. Zwar richtete die UNO so­ge­nannte „Cluster“ ein, wo die Hilfe ko­or­di­niert wer­den sollte, doch die Teil­nahme daran war frei­willig.

Der da­ma­lige Premier­minister Jean Max Bellerive erinnert sich wü­tend an die Stur­heit mancher Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­onen: „Eine wollte unbedingt ein Kranken­haus bauen, wenige Blocks neben einem öffentlichen, das nur hätte repariert werden müssen“, sagt er. „Ich habe es ihnen ver­boten, und als ich nach ein paar Tagen wiederkam, hatten sie trotzdem angefangen.“ Die NGOs haben das anders in Erinnerung: „Vom Staat kam keine Orientierungshilfe, und das war ein Riesenproblem, denn die meisten Helfer hatten keine Ah­nung von den Ge­geben­heiten in Haiti“, sagt Olivier Le Gall vom Schweizerischen Roten Kreuz. „Spen­der und Me­di­en bauten enormen Druck auf; alle wollten möglichst schnell Ergebnisse sehen“, erinnert er sich. „Das führte zu vielen Fehl­ent­scheidungen.“

Video: Olivier Le Gall, Programmleiter des Schweizerischen Roten Kreuzes, über Lehren aus der Katastrophe

Den Fluss multilateraler Hilfsgelder zu verfolgen, ist eine Sisyphusarbeit. Dem UN-Bericht zufolge wurde bis Ende 2012 gerade einmal die Hälfte, nämlich 6,3 Milliarden Dol­lar, über­haupt aus­be­zahlt. Damit ist das Geld längst noch nicht sinn­voll aus­ge­geben, son­dern ledig­lich über­wie­sen an eine durch­führende Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Pro­jekt ge­nehmigt wurde. Jeder Ver­waltungs­schritt schluckt bis zu 10 Prozent des Budgets. Büro­kratie ist eine erbarmungs­lose Geld­ver­nichtungs­maschine. Mehr als drei Mil­li­ar­den Dol­lar waren für die Not­hilfe be­stimmt. Ein großer Teil davon wur­de für Im­porte von Nah­rung und Trink­was­ser ver­geudet – bis die Re­gie­rung an­ge­sichts der drohenden Pleite der hei­misch­en Land­wirte dem einen Rie­gel vor­schob. Als im Ok­to­ber 2010 die Cho­le­ra aus­brach, wurden aus dem glei­chen Topf Me­di­ka­mente, Hy­gi­e­ne-Kits und Prä­ven­ti­ons­kam­pa­gnen fi­nan­ziert. Die Epi­de­mie, allem An­schein nach ein­ge­schleppt von ne­pa­le­sischen Blau­helmen, ließ den Etat für den Wieder­auf­bau also weiter schrumpfen.

Die Cholera, so sind die Haitianer über­zeugt, ist der Be­weis dafür, dass ein Fluch auf der Insel liegt und sich eines Da­mo­k­les­schwertes gleich jedes Mal senkt, wenn Licht am En­de des Tunnels zu sehen ist.

Teil 4

Die Ge­winner – und die Ver­lierer

Anfang Oktober reichten die Cholera-Opfer in den USA eine Sammelklage gegen die UNO wegen Fahr­lässig­keit ein. Nicht nur die Ka­ta­stro­phen wieder­holen sich in der Geschichte Haitis, auch die Pro­ta­go­nist­en: der Ver­treter der Opfer ist Ira Kurzban, ein US-Anwalt, der Clinton und der Demokratischen Partei nahesteht. Er war der Lobbyist von Aristide, als dieser nach seinem Sturz 1991 in die USA flüchtete. Clinton brachte mit einer Militär­inter­vention Aristide zurück an die Macht. Doch der Preis war hoch: Haiti, hoch verschuldet beim In­ter­na­ti­o­nal­en Währungs­fonds (IWF) muss­te Struk­tur­re­form­en um­setzen und seinen hei­misch­en Agrar­markt für Im­porte öffnen. Das war der Todes­stoß für einen Sek­tor, in dem mehr als ein Drittel der Be­völkerung ihr Aus­kommen fin­den. Ende der Achtziger produzierte Haiti genügend Reis für den Eigen­bedarf, 20 Jahre später müssen 80 Pro­zent im­portiert werden. „Die Strategie ging auf ein Papier der Welt­bank zurück, die Ent­wicklungs­länder direkt ins Industrie­zeit­alter katapultieren wollte“, recht­fertigte sich Clinton später. Statt Reis zu produzieren, sollte Haiti ein Textil-Sweatshop für die US-Industrie werden. „Es war gut für die US-Land­wirte, aber für Haiti war es ein Fehler“, ge­stand Clinton. Die „Fehler“ wieder­holen sich.

„Wir Haitianer wurden in der Wiederaufbaukommision IHRC völlig marginalisiert“, beklagt sich eine Re­gie­rungs­ver­tre­terin. „Die Aus­länder über­fielen uns mit PowerPoint-Präsentationen und fertigen Plänen, und wir hatten nicht ein­mal Computer. Deshalb haben sie auf uns herab­ge­schaut und unsere Vor­schläge be­lächelt.“

Für Haiti saßen neben dem Premier­minister die besten Fach­leute des Landes in dem Gremium: Unter­nehmer, In­ge­ni­eure, Architekten. Boulos zum Bei­spiel, der vor­schlug, die Hälfte der Hilfs­gelder in den Auf­bau kleinerer und mitt­le­rer Industrie- und Hand­werks­be­triebe zu investieren. Die Idee ver­lief im Sande. Bevor noch das erste Haus für die Opfer stand, hatte die IHRC Millionen von Dollar aus­ge­geben für Tagungen, Präsentationen und eine Ar­chi­tekten­kon­fe­renz, auf der Experten aus der ganzen Welt ihre Kreationen vor­stellen konnten. Absurditäten wie recycelte Voll-Plastik-Häuser für ein Land mit Temperaturen von 35 Grad in­be­griffen.

170 Millionen Dollar flossen über die amerikanische Ent­wick­lungs­hil­fe­agen­tur US-AID in einen Industrie­park plus dazu­ge­hörigem E-Werk und Hafen im Nor­den des Landes, hunderte Kilo­meter vom Erd­beben­ge­biet ent­fernt. Ko­re­a­nische In­vestoren haben dort Textil-Fertigungs­hallen hoch­ge­zogen. Man schaffe Arbeits­plätze und Infra­struk­tur, so das Argument. 1.388 Jobs sind es in dem Industrie­park – die Bürger­organisation Grassroots Watch hat nach­ge­zählt. Der durch­schnittliche Tages­lohn wurde von der Re­gie­rung gerade an­ge­hoben auf sechs US-Dollar. Die für den Bau ent­eigneten Bauern hin­gegen warten noch immer auf neues Land. Anderen Haitianern brachte der Wieder­auf­bau Reich­tum – vor allem denen, die vorher schon Geld hatten. Haus­be­sitzer ver­mieteten ihre Immobilien um das Viel­fache der üblichen Markt­preise an Aus­länder. Importeure von Gelände­wagen, teure Restaurants und Edel-Super­märkte mit Import­waren machten einen Reibach.

Sophie de Caen besucht das Modellprojekt in Morne-Hercule.
Sophie de Caen besucht das Modellprojekt in Morne-Hercule.
Hier soll neben Häusern und Infrastruktur auch ein Gemeindezentrum entstehen.
Hier soll neben Häusern und Infrastruktur auch ein Ge­mein­de­zentrum ent­stehen.

Drei Studien für einen Slum

Aber auch Clothilde Josephe-Dadi hat ein hübsches, zwei­stöckiges Haus be­kommen in Morne-Hercule, einem Ar­men­vier­tel am Ab­hang unter­halb des No­bel­vier­tels Pétion­ville. 850 US-Dollar und die eigene Arbeits­kraft muss­te die Familie der 63-jährigen Straßen­händlerin selbst auf­bringen, den Rest des Materials und die Planung finanzierte das UN-Entwicklungs­programm UNDP. Insgesamt 19 Haus­be­sitzer, deren Unter­kunft durch das Beben zerstört wurde, er­hielten in dem Stadt­teil eine neue, erd­beben­sichere Bleibe.

Morne-Hercule,
ideale Welt für Wenige

Doch der Clou liegt woanders, wie der Programmverantwortliche Alejandro Pacheco erläutert: „Wir haben zusammen mit den Familien das ganze Vier­tel neu ge­plant, um ein praktisches Beispiel zu liefern, wie man auch in einem Armen­viertel öffentlichen Raum so struk­turieren kann, dass die Menschen ein würdiges Leben und grund­legende Infra­struktur haben.“ In Morne-Hercule sind das bunte, zwei­stöckige Häuser, Solar-Straßen­lampen, gep­flasterte Zufahrts­straßen, ein von den An­woh­nern verwalteter Trink­wasser­brunnen an einem kleinen, lauschigen Platz sowie ein Ab­wasser­kanal, über dem or­dent­lich zementierte Treppen einen sicheren Zugang auch noch in die hintersten Winkel des Vier­tels bilden. In 16 Vierteln er­richtet das UNDP solche Vor­zeige-Stadt­kerne, die 1.200 Familien direkt und 144.000 Menschen in­direkt nützen. 30 Millionen Dollar sind dafür budgetiert.

Durch eine gründliche Planung sollen Fehler vermieden werden.
Durch eine gründliche Planung sollen Fehler vermieden werden.

Camp Icare – Vier Jahre nach dem Erdbeben

Grundriss von Camp Icare
Grundriss von Camp Icare – Grundlage: Satellitenbild auf Google Maps

Eigentlich hätte auch Samantha Jean-Pierre von einem ähnlichen Programm profitieren sollen. Mitte 2010 je­den­falls sollte aus ihrem ehe­maligen Heimat­vier­tel Fort Na­ti­o­nal ein Vor­zeige-Stadt­teil werden. Bei der ersten Wie­der­auf­bau­konferenz legte die Regierung einen Plan vor mit mehr­stöckigen Sozial­wohnungen und öffent­licher Infra­struk­tur. „Der Wieder­auf­bau­kommision war das zu teuer“, er­innert sich die haitianische Ver­treterin. Eine IOM-Funk­ti­o­nä­rin ist deut­licher: „Die meisten Haitianer leben in Slums ohne Infra­struk­tur. Wenn man die Opfer der­art be­vor­zugt, schafft man Sozial­neid.“

Letzt­lich scheiterte der Plan aber auch im Dschungel der haitianischen Korruption und Büro­kratie. Für Fort Na­ti­o­nal sei er zuständig, befand der Haupt­stadt­bürger­meister Jean-Yves Jason, und be­auf­tragte ein ein­hei­misches Ar­chi­tek­tur­bü­ro mit einem alternativen Be­bauungs­plan, nach­dem schon der Planungs­minister eine kanadische Firma und der Finanz­minister die Stiftung von Prinz Charles be­auftragt hatte. Drei Pläne, dreimal Honorar.

Das Ergebnis: die Haus­be­sitzer von Fort Na­ti­o­nal bauen ihre Hütten nun selbst wieder auf, eben­so chaotisch und elend wie zuvor. Die UNDP beklagt, nicht genügend Gel­der zu haben, um ihr Pro­gramm auch in Fort Na­ti­o­nal um­zu­setzen. Samantha hätte ohne­hin kein Grund­stück, um daran teil­zu­nehmen. Sie wohnte zur Miete, wie die meisten durch das Beben ob­dach­los Ge­wor­de­nen.

Drei Viertel der Haitianer überleben mit weniger als zwei US-Dollar am Tag. Manchmal schaffen Samantha und ihr Mann mit Näh­arbeiten oder Jobs als Straßen­händler nicht einmal das. Dann gibt es zuhause nur einen Teller Reis am Tag. Die einzige Investition, auf die Samantha nicht ver­zichten will, ist die Schul­uniform ihrer Kinder. Ihnen soll es einmal besser gehen. Lesen und Schreiben können nur zwei Drittel aller Haitianer. Samantha selbst brach die Schule ab, als ihr Vater krank wurde und sie als älteste Tochter den Haus­halt über­nehmen muss­te, während ihre Mutter Geld verdiente. Das be­reut sie heute: „Nur wer etwas weiß, bringt es weiter im Leben“, sagt sie. ◼

Samanthas Tochter Melissa in der Schule.

Weiter­führende Links
und Literatur

Weblinks

Literatur

  • Jonathan Katz: The big truck that went by. Palgrave Macmillan, New York 2013.
  • Linda Polmann: Die Mitleidsindustrie. Campus, Frankfurt am Main 2010.

Film